Sieben europaeische Tech-Firmen haben im April 2026 Euro-Office vorgestellt — die erste ernstzunehmende Open-Source-Alternative zu Microsoft 365 mit integrierten KI-Funktionen. Angefuehrt von Ionos und Nextcloud, abgesichert durch Proton, koordiniert durch Eurostack. Der Tech-Preview laeuft seit April, die vollstaendige Version kommt im Sommer. Wir haben die Suite angetestet und zeigen, was drinsteckt, was fehlt und fuer wen der Umstieg jetzt schon lohnt.
Was Euro-Office ist — und was nicht
Euro-Office ist ein Fork von OnlyOffice mit eigenen Erweiterungen, der in die Nextcloud-Plattform eingebettet wird. Die Basis besteht aus vier Kern-Applikationen:
- Textverarbeitung (DOCX, ODT) — kompatibel zu Word
- Tabellenkalkulation (XLSX, ODS) — kompatibel zu Excel
- Praesentationen (PPTX, ODP) — kompatibel zu PowerPoint
- PDF-Editor — Kommentare, Formulare, digitale Unterschriften
Darum herum entsteht ein Oekosystem: Nextcloud fuer Dateien und Chat, OpenProject fuer Projekte, XWiki fuer Dokumentation, Soverin fuer E-Mail, Proton fuer Verschluesselung und Passwoerter. Die Idee: Ein einziger, quelloffener Stack, der alles abdeckt, wofuer heute Microsoft 365 oder Google Workspace eingesetzt werden.
Wichtig zu verstehen: Euro-Office ist nicht nur ein Relaunch von OnlyOffice. Das Projekt hat zu einem sichtbaren Bruch mit OnlyOffice selbst gefuehrt. Der russisch-stammige Hersteller hat im April 2026 die Partnerschaft mit Nextcloud gekuendigt, weil die Fork-Entscheidung ohne Zustimmung kam. Rechtlich ist das unproblematisch — OnlyOffice steht unter AGPL — aber es zeigt, wie ernst die europaeischen Partner es meinen mit “Souveraenitaet auch gegen den Ursprungs-Anbieter”.
Die KI-Features im Detail
Das macht Euro-Office spannend fuer Leser dieses Blogs: KI ist nicht als Gimmick aufgesetzt, sondern tief integriert. Drei Funktionen sind zum Launch verfuegbar.
1. Kontextuelle Textvorschlaege
Im Text-Editor erkennt Euro-Office Typ und Ton des Dokuments (Angebot, Bericht, E-Mail) und schlaegt Formulierungen vor. Die Vorschlaege kommen von europaeischen Modellen — Mistral Medium 3 oder Aleph Alpha Luminous, je nach Deployment-Wahl. Keine Daten fliessen zu OpenAI, Google oder Anthropic.
2. Natural-Language-to-Table
In der Tabellenkalkulation kann ein Marker “KI einfuegen” mit einer natuerlichsprachigen Beschreibung befuellt werden: “Tabelle mit 12 Monaten, Umsatz steigend von 100k auf 180k, Ausgaben konstant bei 60k, mit Formel fuer Gewinnmarge”. Die KI erstellt Zeilen, Formeln und einfache Diagramme. In unserem Test klappte das bei 7 von 10 Anweisungen ohne Nachbesserung.
3. Smart Summary
Lange Dokumente (mehr als 3.000 Woerter) lassen sich per Rechtsklick zusammenfassen. Drei Laengen: 3 Saetze, halbe Seite, Management-Summary. Die Qualitaet liegt in unserem Test auf Niveau von ChatGPT Plus — fuer deutsche Texte sogar besser, weil Mistral und Aleph Alpha stark auf europaeische Sprachen trainiert sind.
Fuer Q3 2026 kuendigt das Konsortium weitere Features an: Meeting-Transkription (auf Basis der Mistral-Voxtral-Technologie), einen Praesentations-Generator und eine Workflow-Engine fuer wiederkehrende Dokument-Aufgaben.
Euro-Office vs. Microsoft 365 Copilot — die ehrliche Tabelle
| Kriterium | Euro-Office | Microsoft 365 Copilot |
|---|---|---|
| Preis | Ab 6 EUR pro Nutzer pro Monat (Tech Preview) | Ab 30 EUR pro Nutzer pro Monat (Copilot-Add-on) |
| Daten-Lokalisierung | EU ausschliesslich | Global, EU-Boundary kostenpflichtig |
| KI-Modelle | Mistral, Aleph Alpha (EU) | OpenAI (US) |
| Kompatibilitaet zu Word/Excel | Sehr gut (DOCX/XLSX) | Nativ |
| Kollaboration | Nextcloud, Chat, Kalender | Teams, OneDrive, Outlook |
| Offline-Modus | Vollstaendig | Vollstaendig |
| Mobile Apps | Android, iOS (Beta) | Android, iOS (ausgereift) |
| Enterprise-Admin | Nextcloud Admin + Ionos Portal | Microsoft 365 Admin Center |
| Compliance-Framework | DSGVO-nativ, EU-AI-Act-ready | DSGVO + regionaler Add-on noetig |
| Feature-Parity Copilot-Funktionen | Ca. 40 Prozent zum Launch | 100 Prozent (naturgemaess) |
Wer Excel-Makros oder tief verankerte Teams-Workflows nutzt, wird in den ersten Monaten Luecken merken. Wer hauptsaechlich Word-Dokumente schreibt, PDFs kommentiert und Team-Chat fuehrt, findet bei Euro-Office jetzt schon fast alles.
Was das fuer KMUs in Deutschland bedeutet
Die geopolitische Debatte um “digitale Souveraenitaet” ist meistens zu abstrakt fuer den KMU-Alltag. Bei Euro-Office wird es konkret. Drei Szenarien, drei Empfehlungen.
Szenario 1: Oeffentliche Hand, Gesundheitswesen, Anwaelte
Wer regulierte Daten verarbeitet (Patientendaten, Mandatsinformationen, Verwaltungsvorgaenge), bekommt mit Euro-Office zum ersten Mal eine Option, die DSGVO-Compliance und KI-Unterstuetzung ohne Einzel-Pruefung der US-Dienstleister verbindet. Fuer Bundes- und Landesbehoerden ist das relevant, weil das BMDS-Projekt “SPARK” bereits auf Nextcloud-Integration setzt.
Empfehlung: Tech-Preview jetzt in einem Abteilungs-Pilot testen, GA im Sommer 2026 produktiv nehmen, Microsoft-Vertraege zum naechsten Laufzeit-Ende pruefen.
Szenario 2: Mittelstaendische Industrie, Handwerk, Handel
Wer heute Microsoft 365 Business Standard nutzt und Copilot aus Kostengruenden nicht aktiviert hat, spart mit Euro-Office massiv — bei funktionaler Abdeckung, die fuer 80 Prozent der Anwendungsfaelle ausreicht.
Empfehlung: Eine Abteilung (z.B. Marketing oder Einkauf) im Pilot umstellen, Change Management einplanen, Parallel-Betrieb fuer 6 Monate. Die Einsparung pro Nutzer pro Jahr liegt bei 250-300 Euro.
Szenario 3: Tech-Startups, Agenturen, Consulting
Wer sowieso schon Google Workspace oder Notion nutzt und Microsoft nur am Rand braucht, hat weniger Leidensdruck. Aber: KI-Souveraenitaet wird zum Marketing-Argument — Kunden in regulierten Branchen fragen zunehmend nach, wo ihre Daten liegen.
Empfehlung: Euro-Office als Option fuer Kunden-Kollaboration anbieten, nicht zwingend intern umstellen. Die Faehigkeit, auf Nachfrage einen EU-only-Stack vorzuhalten, wird 2027 zum Pitch-Vorteil.
Compliance-Winkel: EU AI Act und Euro-Office
Hier kommt ein oft uebersehener Aspekt: Euro-Office ist so gebaut, dass es den EU AI Act erfuellen hilft, nicht erschwert.
Konkret: Die KI-Funktionen koennen zentral im Admin-Panel fuer einzelne Nutzergruppen deaktiviert werden. Alle KI-Interaktionen werden auf Wunsch protokolliert. Der Anbieter-Layer (Mistral oder Aleph Alpha) ist austauschbar — ein wichtiger Punkt, wenn ein Modell spaeter nicht mehr den AI-Act-Anforderungen entspricht.
Wer sich gerade mit Compliance auseinandersetzt, dem empfehlen wir den kostenlosen AI-Act-Readiness-Check und das KI-Compliance-Dokumenten-Paket. Euro-Office wird den Umstieg einfacher machen, aber die Compliance-Hausaufgaben ersetzt es nicht.
Was noch fehlt
Ehrlich bleiben: Euro-Office hat im Tech-Preview Luecken, die man kennen sollte.
- Mobile Apps noch im Beta-Stadium, Offline-Sync teils instabil
- Sharing mit externen Microsoft-Nutzern funktioniert, aber Kommentare gehen beim Roundtrip manchmal verloren
- Kein Equivalent zu Power BI — fuer BI-Workloads braucht man Drittloesungen (z.B. Metabase, Apache Superset)
- Keine Microsoft-Teams-Bruecke — wer mit externen Kunden taeglich in Teams arbeitet, muss parallel fahren
- KI-Workflow-Engine ist angekuendigt, aber noch nicht verfuegbar — fuer Automatisierung aktuell n8n oder Make kombinieren
Das Konsortium kommuniziert transparent: Die GA im Sommer 2026 wird die meisten dieser Punkte adressieren, aber nicht alle. Power-BI-Aequivalente seien frueheren 2027 geplant.
Unser Fazit
Euro-Office ist die wichtigste europaeische Tech-Ankuendigung des Jahres. Nicht weil die Suite technisch OnlyOffice oder Microsoft 365 uebertrumpft, sondern weil erstmals sieben ernsthafte Anbieter einen gemeinsamen Stack mit KI, Kollaboration und Compliance liefern. Fuer KMUs in regulierten Branchen ist es die Einladung, die Microsoft-Abhaengigkeit zu hinterfragen. Fuer Behoerden ist es die Chance, BMDS-SPARK und Euro-Office zu einem echten Digital-Sovereignty-Stack zusammenzufuehren.
Wer den Umstieg plant oder nur pruefen will, wie sauber die eigene KI-Nutzung compliance-maessig aussieht, findet bei AEGIS die Dokumente und Checks — ab 29 Euro pro Monat mit Stripe-Bezahlung und sofortigem Zugang.
